Lernverhalten des Hundes



Der folgende Text ist von mir selbst verfasst. Eigentlich war es nur mein Skript zu einer Theoriestunde, die ich in meinem alten Verein gehalten habe...
ich hoffe jedoch, Ihr könnt trotzdem etwas damit anfangen


Mittlerweile wissen wir hoffentlich alle, daß Hunde nicht gehorchen, weil sie uns gefallen wollen.
Wenn sie etwas tun, dann tun sie das nicht für uns, sondern für sich selbst.
Hunde sind egoistisch.
Also...

Wie lernt der Hund?

Hunde lernen durch Versuch und Irrtum (Erfolg/Mißerfolg), sie kennen kein richtig oder falsch, nur "das lohnt sich" und "das lohnt sich nicht" oder auch "das war gut für mich" und "das war schlecht" - wobei der Hund da sicher ganz andere Ansichten hat als wir!
Sich lohnendes Verhalten wird wiederholt, nicht lohnendes erlischt irgendwann (wir arbeiten ja auch nur für Geld, extrem viel Spaß oder um unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen, nicht weil wir unseren Chef einfach nur glücklich sehen wollen). Die Grundbedürfnisse beim Hund sind: Fressen, Schlafen, Fortpflanzung, Spielen, Sozialkontakte und Schnüffeln.

Hunde tun immer nur das, was funktioniert. Ihr Verhalten wird durch ihre Konsequenzen bestimmt. Diese Konsequenzen können sein:

  • etwas Gutes beginnt (positive Bestärkung)

  • etwas Schlechtes beginnt (positive Bestrafung)

  • etwas Gutes hört auf (negative Bestrafung)

  • etwas Schlechtes hört auf (negative Bestärkung)


  • Hunde lernen durch Verknüpfen.
    Verknüpft wird innerhalb ca. 1 Sekunde und beim Verknüpfen wird die komplette Umwelt mit einbezogen, d.h. daß der Hund in eine Lerninformation alle nur möglichen Umfeldeindrücke mit einbindet. Er bezieht also Ort, Tageszeit, Bodenbeschaffenheit, Geräuschkulisse, Stimmung und Tonfall des Hundeführers, Witterung, Durst- und Hungergrad usw, je nach Wichtigkeit für ihn selbst, in die Lernsituation mit ein (das bezieht sich sowohl auf das Erlernen von Hörzeichen, wie auch auf einfache Erlebnisse positiver oder negativer Art). Hunde generalisieren erst nach etlichen Wiederholungen in verschiedenen Umweltsituationen, denn nur so lernt der Hund, diese Nebenelemente zur Nebensächlichkeit zu machen, und das eigentliche Lernziel wird herausgefiltert.
    Hunde lernen durch Konditionierung.
    Die klassische Konditionierung (Pawlow) bedeutet, daß ein vorher unbedeutendes Signal durch einen Bestärker die gleiche Reaktion hervorruft, wie der Bestärker allein. Bei Pawlow war es die Glocke, die für den Hund zum konditionierten Bestärker wurde, weil sie Futter ankündigte.
    Die operante Konditionierung (Skinner) bedeutet, daß der Hund den Umweg zum gewünschten Ziel herausfindet. Bei Skinner war es z.B. die Taube, die durch Klopfen an einer Scheibe an das Futter kam.
    Diese beiden Konditionierungen liegen in der Ausbildung des Hundes nah beieinander!
    Hunde lernen durch Nachahmung
    bei Welpen und Junghunden ist diese Lernform sehr ausgeprägt, aber auch beim erwachsenen Hund ist sie immer wieder zu beobachten.
    Reagiert die Hundemutter z.B. empfindlich auf Geräusche, wird ihr schreckhaftes Verhalten binnen kurzer Zeit von den Welpen übernommen. Die Kleinen wissen zwar nicht warum, aber wenn "Mami" es tut, dann wird es schon einen Sinn haben.
    Hunde lernen durch Gewöhnung
    wenn ein laufend wiederholter Reiz weder positive noch negative Auswirkungen hat, wird er irgendwann nicht mehr beachtet.

    Schön und gut, aber Was bedeutet das für die Praxis?
    Für den Hund ist das Leben ein ewiges "wenn du dies tust, passiert das, wenn du das tust, passiert jenes". Er versucht ständig zu bewirken, daß gute Dinge beginnen und schlechte Dinge aufhören oder aber zu vermeiden, daß gute Dinge aufhören und schlechte beginnen.
    Hat er Erfolg, wird er dieses Verhalten häufiger zeigen. Hunde lernen (wie der Mensch) die Wahrscheinlichkeit zu erkennen, wann die ein oder andere Konsequenz auftritt.
    Ein Beispiel für uns Menschen: wir werfen Geld in einen Cola-automaten und bekommen eine Cola. Werfen wir Geld in Mülltonnen, bekommen wir dafür nichts. Wenn wir Geld in einen Spielautomaten werfen, bekommen wir meist nichts, aber manchmal etwas richtig tolles. Aus diesem Grund werfen wir Geld in Cola-automaten, kein Geld in Mülltonnen und sind manchmal regelrecht süchtig danach, Spielautomaten mit Geld zu füttern!

    Genauso wie der Mensch, wird der Hund nicht mit dem Wissen geboren, was sich lohnt und was nicht. Er muß Erfahrungen machen, auch mit Hilfe anderer Hunde oder eben uns Menschen.
    Hier kommen besonders die Punkte Nachahmung und Gewöhnung ins Spiel. Hunde gucken sich nicht immer nur die erwünschten Verhaltensweisen bei anderen ab. Wir müssen versuchen, zu beeinflussen, was er sich bei wem abgucken kann.
    Lebt unser Hund nur mit uns Menschen in einem Rudel, dann sind wir sein Vorbild. Wir beeinflussen also sein Verhalten schon durch unsere Anwesenheit. Wenn wir z.B. Angst vor einem bestimmten Typ Mensch haben, dann ist es kein Wunder, wenn unser Hund diese Angst auch bald zeigt. Ebenso verhält es sich mit der Gewitterangst. Die Nachahmung sorgt dafür, daß unser Hund nervös dabei wird, weil wir es auch sind. Die Stimmung überträgt sich, ob wir es wollen oder nicht.
    Tobt aber draussen ein Gewitter und wir gehen ganz normal unserem Tagesablauf nach und beachten es gar nicht, dann macht der Hund weder positive noch negative Erfahrungen damit. Er gewöhnt sich daran.

    Die klassische Kondtionierung (der Hund assoziiert mit bestimmten Signalen) im Alltag ist z.B die Türklingel. Das Klingeln allein hat für den Hund keine Bedeutung. Da aber meist darauf Besuch kommt, reicht ihm irgendwann die Klingel, um mit freudigem oder grimmigem Bellen zu reagieren.
    Die operante Konditionierung können wir nutzen. Wir manipulieren die Konsequenzen, um so das Verhalten unseres Hundes kontrollieren zu können.
    Bei der "Sitz"-Übung machen wir z.B. das Leckerli zur Konsequenz für den Hund.Wir locken ihn mit diesem in die Sitz-Position ohne ein Hörzeichen zu geben. Sobald der Hund sitzt, bekommt er sein Leckerli. Er lernt also, daß sich setzen ein Leckerli bedeutet und wird dieses Verhalten immer häufiger zeigen. Erst, wenn wir wetten würden, daß unser Hund sich setzt, fügen wir kurz vor dem Verhalten ein Hörzeichen ein. Dieses wird dann im Laufe der Zeit vom dem Hund mit seinem Verhalten verknüpft.

    Bei der Verknüpfung müssen wir aber berücksichtigen, daß der Hund die komplette Umweltsituation mit einbezieht. Lernt er z.B. das Sitzen erst im Wohnzimmer, dann lernt er gleichzeitig, daß links ein Tisch steht, rechts ein Sofa und daß der Fernseher läuft. Draussen findet er diese Dinge nicht vor. Wir beginnen deshalb mit jeder neuen Übung am besten in möglichst reizarmer Umgebung. So verringern wir die Gefahr, daß der Hund zuviel unerwünschtes Umfeld mit in unsere Lernsituation einbezieht. Bei jeder neuen Umweltsituation müssen wir evtl. manchmal erst wieder einen Schritt zurück machen, denn für den Hund ist das Bild ja jetzt ein komplett anderes. Er muß erst neu ausprobieren, was wir von ihm wollen.
    Erst so lernt der Hund, daß "Sitz" bedeutet: einfach hinsetzen und nicht: sitzen neben einem Tisch, Sofa und bei laufendem Fernseher...
    Also, bitte nicht gleich zuviel erwarten. Denn dann setzen wir unseren Hund nur unter Zwang und Zwang bedeutet Stress. Unter Stress ist Lernen nicht möglich, das ist bei uns nicht anders.


    Stellt Euch mal vor, Ihr seid auf einem Fest und werdet zum Tanzen aufgefordert. Die Musik läuft, und Ihr seid verunsichert. Aber Euer Tanzpartner flüstert Euch mitfühlend zu "Das ist ein Foxtrott". Was sagt Euch das? Nichts! Ihr werdet also noch nervöser, und Euer Tanzpartner versucht Euch im Rythmus irgendwie über die Tanzfläche zu schieben. Ihr werdet nur noch nervöser, und der Tanzpartner zischt Euch auch noch zu: "Das ist ein Foxtrott, Du Trottel!". Haben wir es jetzt deshalb gelernt? NEIN, denn wir hatten ja keine Chance, den Tanz stressfrei zu lernen. Die einzige Konsequenz, die wir für uns da raus ziehen ist: wenn uns das nächste Mal jemand zum Foxtrott auffordert, sehen wir zu, daß wir Land gewinnen :-(
    Und genau das machen wir oft auch mit unseren Hunden. Ein Beispiel:
    wir möchten unserem Hund das "Platz" beibringen.Wir geben also das Hörzeichen und ziehen unserem Hund gleichzeitig die Vorderbeine weg. Der Hund liegt und wird gelobt. Was hat der Hund nun gelernt? "Wenn das Hörzeichen Platz ertönt, dann reißt mir einer an den Gliedmaßen" Na, ob er sich in Zukunft wohl gerne hinlegt???
    Unter diesem Aspekt komme ich auch nochmal zurück auf die 4 Konsequenzen:

    Die Kombination positive Bestärkung (etwas Gutes beginnt) und negative Bestrafung (etwas Gutes hört auf)erhöhen die Motivation des Hundes ungemein und fördern sein Vertrauen in uns.
    Die Kombination positive Bestrafung (etwas Schlechtes beginnt) und negative Bestärkung (etwas Schlechtes hört auf)funktioniert natürlich auch. Aber sie säht Mißtrauen, denn entweder wir strafen den Hund für etwas, was er ja noch gar nicht kann, oder aber wir müssen ihm erstmal etwas Schlechtes zufügen, damit dieses auch wieder aufhören kann. Da wäre zum Beispiel der Ruck nach oben am Halsband, wenn der Hund sich setzen soll. Das fördert nicht gerade sein Vertrauen in uns, und wir setzen den Hund unnötig unter Stress.
    BESSER ist es also, wenn wir den Hund locken und ihn selbst versuchen lassen, was zum Ziel führt. Dieses richtige Verhalten können wir dann bestärken. Falsches Verhalten wird weitestgehend ignoriert. So erfährt unser Hund weder Druck noch negative Erfahrungen.
    Daß wir bei allen Signalen klare kurze Hörzeichen nutzen und keine ganzen Sätze versteht sich hoffentlich von selbst.
    Hunde orientieren sich schließlich nur am Ton einzelner Worte, sie verstehen unsere Sprache nicht!

    So, das war ja nun alles auf positiver Bestärkung und Motivation aufgebaut...
    Aber
    Wie sieht es aus mit Strafe?

    Wenn wir überhaupt strafen müssen, dann
  • SOFORT
  • direkt, also z.B. durch den Schnauzengriff (NICHT DAS NACKENSCHÜTTELN, DAS GIBT ES IM NATÜRLICHEN VERHALTEN NICHT UNTER STRAFE!!!)
  • indirekt, also z.B. durch Disc-Scheiben oder Wasserpistolen, Hauptsache, wir werden nicht mit der Strafe in Verbindung gebracht, sondern nur der Gegenstand/die Tat selber

    Wir sollten berücksichtigen, daß Strafe oft gar nicht wirkt, weil
  • wir entweder zu spät strafen
  • die Tat an sich schon selbstbestätigend ist
  • die Hunde die Strafe anders verknüpfen, als wir hoffen

    Beispiele:
    Mein Hund leert den Mülleimer, während ich aus dem Haus bin. Ich komme heim, erwische ihn auf frischer Tat und strafe ihn. Welche Konsequenz zieht nun der Hund?
    Wenn ich am Mülleimer bin und Frauchen kommt heim, dann gibt es Ärger. Aber der Inhalt des Eimers war verdammt lecker, also passe ich beim nächsten Mal einfach besser auf!
    Und? Hat das mein Problem gelöst? :-(

    Mein Hund (noch nicht stubenrein) macht vor meinen Augen auf den Teppich, ich strafe ihn. Mein Hund macht im Nebenzimmer auf den Teppich, ich kann ihn nicht mehr strafen, weil es zu spät ist. Mein Hund macht draussen, und ich lobe ihn halbherzig oder sogar gar nicht (weil es für mich ja eine Selbstverständlichkeit ist).
    Konsequenz für den Hund: drinnen in Frauchens Anwesenheit lösen macht AUA. Drinnen im Nebenzimmer lösen erleichtert mich. Draussen lösen erleichtert mich.
    Wenn Draussen lösen die selbe Konsequenz hat wie im Nebenzimmer lösen, warum dann erst rausgehen???

    Mein Hund jagt Katzen. Ich gedenke abzuwarten, bis er sie auf die Schafweide jagd und dabei in den Elektrozaun rennt - dann macht er das nie wieder. Es kommt, wie es kommen mußte, der Hund rennt in den Elektrozaun der Schafweide.
    Wirkung auf den Hund? Er macht einen Bogen um Elektrozäune, hat Angst vor Schafen und der Hass auf Katzen ist doppelt so groß!!!
    (diese Geschichte hat Martin Pietralla erzählt und ich finde sie einfach klasse)

    Aber was sollten wir dann tun, wenn Strafe nur selten wirkt?

    Am besten ist es einfach, unerwünschtes Verhalten zu ignorieren, solange es nicht gefährlich oder selbstbestätigend ist.Wir wissen ja bereits, daß Verhalten, welches nicht zum gewünschten Erfolg führt, irgendwann erlischt.
    Wichtig ist hierbei aber, daß wir dann mit dem Ignorieren absolut konsequent sind. Sonst entwickeln wir uns dabei eher zum Spielautomaten und das Verhalten verstärkt sich.

    Auch sollten wir dem Hund aber nicht immer nur vermitteln, was er nicht tun soll. Es ginge also viel schneller und problemloser, wenn wir ihm zeigen würden, was wir STATTDESSEN gerne von ihm hätten.
    Beispiel:
    wir ignorieren sein Anspringen zur Begrüßung. Irgendwann gibt unser Racker auf und setzt sich hin oder bringt ein Spielzeug o.ä.
    Und genau dann sollten wir ihm die gewünschte Aufmerksamkeit schenken. So bringen wir ihm gleich ein Alternativ-Verhalten für das Anspringen bei.

    Wenn wir nun aber doch mal strafen müssen, dann sollten wir immer versuchen, es mit dem sog. "Lieben-Gott-Effekt" zu tun, d.h. die Strafe fällt plötzlich vom Himmel und wir sind quasi genauso überrascht wie der Hund :-)
    Sie zerstören wir nicht sein Vertrauen in uns, sondern entwickeln in ihm lediglich ein Meideverhalten eben diesem Gegenstand/dieser Tat gegenüber.

    So, das war es zu diesem Kapitel. Wenn ihr also in Zukunft statt immer gleich zu sagen "Er kann das, er will nur nicht heute" zuerst überlegt, ob der Fehler nicht vieleicht viel eher bei Euch liegen könnte, dann habe ich schon etwas mit diesen Zeilen erreicht ! :-)